Ich liebe dich nicht mehr – du bleibst Nummer Zwei

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Als ich zum zweiten Mal schwanger war, traf ich eine gute Bekannte, die bereits zwei Kinder hatte. Sie sagte zu mir: „Oh man, wenn ich noch einmal vor der Entscheidung stehen würde, ob ich ein zweites Kind bekomme, würde ich es bei einem lassen. Ein Kind reicht völlig.“ Als würde das noch nicht ausreichen, um mich unter Schock zu stellen, fügte sie hinzu: „Natürlich hat man ein Lieblingskind, es darf nur niemals jemand merken, welches das ist.“

Entweder, so dachte ich im Nachhinein über ihre Aussage, ist sie völlig verrückt oder sie ist ehrlicher als alle anderen Mütter in meiner Umgebung – vielleicht auch ehrlicher zu sich selbst. Heute bewerte ich ihre Aussage anders. Doch nicht erst seit ihrer Aussage machte ich mir Gedanken darüber, ob ich wohl für beide Kinder gleich empfinden würde und wie die Ankunft des Zweiten unsere eingespielte Familienkonstellation durcheinanderbringen würde. In vielen Internetforen kann man nachlesen, dass diese Ängste anscheinend viele Mütter während der zweiten Schwangerschaft bedrücken. Deshalb also schreibe ich nun diesen Text.

Es kommt vermutlich etwas auf die persönliche Veranlagung an. Ich bin – zum Leidwesen meines Partners – ein „Glas-halb-leer“-Mensch. Mein Gehirn ist wie ein Magnet, der zwar grundsätzlich positiv geladen ist, aber gerade deshalb alles Negative anzieht. Bin ich glücklich, rückt der Fokus ganz schnell auf all das, was das Glück wieder zerstören könnte. Das hat den Vorteil, dass man die schönen Dinge des Lebens sehr zu schätzen weiß, dass man sie intensiver spürt und eine allgegenwärtige Dankbarkeit empfindet. Der Nachteil ist, dass sich in das Glücksgefühl immer schon der leise Schmerz eines bevorstehenden Endes hineinmischt.

Dementsprechend begannen während der zweiten Schwangerschaft die herrlichsten Ängste in meinem Kopf zu erblühen. Ich sah meine Tochter, die ihr Geschwisterchen heimlich und hasserfüllt vor Eifersucht in die dicken Oberärmchen kneift, ich sah mich, wie ich verzweifelt versuche, für beide Kinder Zeit aufzubringen und dabei keinem von beiden gerecht werde, ich sah meinen Partner, der sein leibliches Kind viel mehr liebt als seine Stieftochter und ich sah uns als Paar, wie wir uns genau deshalb ständig streiten.

Seit dieser Zeit ist ein Jahr vergangen. Wir sind jetzt zu viert. Einfach so. Bis auf die üblichen Katastrophen ist fast nichts von dem eingetreten, was ich befürchtet hatte. Meine Tochter liebt ihren Bruder und mein Partner liebt seine Stieftochter und seinen Sohn. Ich allerdings habe schon manchmal das Gefühl, keinem der beiden Kinder gerecht zu werden. Da ruft die Große und hier schreit der Kleine und ich will doch eigentlich nur mal dasitzen und die Wand anstarren. Also nichts, was nicht alle Mütter von zwei Kindern kennen würden.

Aber ohne ABER wäre es ja langweilig: Mein Sohn ist das zweite Kind, und er wird ewig der Zweite bleiben. Der Zauber des erstens Mals gehörte meiner Tochter (Natürlich erlebt er alles zum ersten Mal und ich erlebe es gemeinsam mit ihm auf eine andere und neue Weise als mit meiner Tochter). Die erste Geburt, das eigene Kind bei den ersten Schritten beobachten, das eigene Kind zum ersten Mal „Mama“ sagen hören, die ersten Tage im Kindergarten. All die Euphorie und Nervosität der ersten Male ist einem neuen Gefühl gewichen: der Gewissheit, dass es irgendwie funktionieren wird. Ich beobachte meinen Sohn viel mehr. Manchmal vergleiche ich auch, was man nicht tun soll, aber immer wieder tut. Ich habe weniger Angst, ich sehe meinem Sohn beim Wachsen zu und greife weniger ein. Mein Sohn hat das Glück, ewig der Zweite sein zu dürfen. Es macht ihn unabhängiger, er bekommt mehr Gelassenheit von mir und weniger Druck.

Wie ist das nun mit dem Lieblingskind? Irgendwie hat es die Natur so eingerichtet, dass man nach der Geburt den ersten Blick auf sein Kind wirft und schon ist die Liebe endlos. Vielleicht werde ich irgendwann zu einem meiner Kinder einen besseren Draht haben, weil es meinem eigenen Charakter näher ist, oder gerade weil es meinem eigenen Charakter näher ist, kommen wir gar nicht miteinander aus. Sicher könnte ich enttäuscht werden von einem Kind oder von beiden, aber auch das ändert ja nichts an der Liebe.

Wenn eines meiner Kinder erfolgreich wird und Gutes tut – vielleicht eine Möglichkeit findet, den Plastikmüll aus dem Meer zu filtern oder Mega-Reiche zu bestehlen, um das Geld in Schulen, Kulturprojekte und Lebensmittelversorgung der Armen zu stecken oder gar ein Staatssystem etabliert, das nicht auf dem Wachstumsgedanken basiert oder – na ja, ihr habt das Prinzip verstanden. Wenn ich also ein Kind habe, das mich mit Stolz erfüllt und das andere entschließt sich, der AfD beizutreten, was wäre dann? Nichts. Es würde an der Liebe nichts ändern.

Entscheidend für die Beziehung zu meinen Kindern ist außerdem das Geschlecht. Ich hatte mir immer zwei Töchter gewünscht: drei starke Frauen. Nun habe ich einen kleinen Sohn und bin so glücklich darüber. Er verändert meinen Blick auf die Männlichkeit. Ich wünsche jedem Mann eine Tochter. Wenn man das andere Geschlecht auf diese elterliche bedingungslose Weise liebt, dann beginnt man Unterschiede anzuerkennen oder zu relativieren und neu zu bewerten.

Unterm Strich kann ich also sagen: Ich liebe dich nicht mehr und nicht weniger als meine Tochter, du bist mein zweites Kind. Das ist alles.

Heulen in Genua – Reisen in der EU

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„Bild der Frau“-Fotoshooting am Strand von Biderosa

„Schaffst du das? Wollen wir nicht lieber abbrechen?“ Nein, abbrechen kam nicht infrage. Ich hatte mich so lange auf unsere Reise nach Sardinien gefreut. Blass und müde hustete ich meinem Partner trotzig entgegen. „Klar schaffe ich das.“

Es hatte lange gedauert, bis wir uns entschieden hatten, wohin unsere Reise gehen soll. Nachdem ich bereits in meiner ersten Elternzeit viel und weit gereist war, wollte ich auch die zweite Elternzeit nicht verstreichen lassen, ohne zu verreisen. Während meiner Schwangerschaft hatten wir – damals noch zu dritt – eine Marokkoreise unternommen. Wir nahmen uns in Marrakesch einen Mietwagen und ließen uns verschlingen von der orientalischen Fremde. Wir hatten zuvor keine Unterkünfte gebucht, sondern reisten einfach durch die karge, wunderschöne marokkanische Weite und suchten uns spontan Übernachtungsmöglichkeiten.

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Essaouira: Zur Komplettierung des Bildes gehört der Hafengestank und das Geschrei von Möwen

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„Ein halbes Schwein, bitte!“

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Atlasgebirge

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Surfer- und Hippiehochburg: Taghazout

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Es hatte uns über die Gipfel des Atlasgebirges getrieben und wieder hinab zum Atlantik, ins zauberhafte Essaouira. Meine Tochter zählte leidenschaftlich die streunenden Katzen auf den Fisch- und Gewürzmärkten, sie staunte über die Äffchen und Schlangen, die auf dem „Platz der Geköpften“, dem Djemaa el Fna als Touristenbespaßung dienen müssen und wir fanden Orte, an denen wir die Dreisamkeit in absoluter Menschenleere genießen konnten. Dass wir als Reisende funktionieren, war also erprobt.

Doch diesmal waren wir zu viert. Mein Sohn war gerade elf Monate alt und meine Tochter vier Jahre, als wir Richtung Italien aufbrachen. Mit einem vollgestopften Golf-Kombi inklusive voluminöser Dachbox. Kinderwagen, Reisetaschen, Spielzeug, Windeln, Lebensmittel, das Auto platzte aus allen Nähten. Es war die reinste Rumpelbude.

All diese Taschen und Beutel und Tüten musste mein Partner während unseres Urlaubs in elf verschiedene Unterkünfte räumen und dann wieder ins Auto zurück. Nach jedem Mal versuchte er, neu zu planen und Gepäck umzudisponieren, um beim nächsten Mal weniger ein- und auspacken zu müssen, aber es war unmöglich. Was wir dabei hatten, das brauchten wir auch. Der erste Stopp war ein Ferienbauernhof in der Oberpfalz. Es ist die Station der Reise, von der meine Tochter bis jetzt sagt, es sei die schönste gewesen: Kühe, Pferde, Ziegen, Schweine und eine Scheune mit viel Heu.

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Schon hier schlich sich eine fiese Erkältung an und streckte mich nieder. Mit bösartigem Husten, Hals- und Ohrenschmerzen im mütterlichen Gepäck ging es weiter Richtung Lugano. Hier entschärfte es mich vollends. Mein Partner dachte ans Abbrechen, machte sich Sorgen um mich. Die Kinder kannten wenig Gnade, die Nächte waren kurz und unterbrochen vom zweistündigen Stillhunger meines Sohnes (ja, zweistündig – mit elf Monaten!!!!).

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Lago di Lugano: Mein Blick für die Schönheit der Gegend war von Hustenanfällen getrübt

Dann ging es nach Genua, von hier wollten wir mit der Fähre nach Sardinien übersetzen. Ich hatte mich auf der Rücksitzbank stundenlang schniefend und müde mit meinem Sohn herumgeschlagen, der einfach nicht im Autositz bleiben wollte. Erschöpft erreichten wir endlich Genua, kurvten noch einige Male vorbei an der richtigen Hafeneinfahrt und dann standen wir vor den Beamten, die uns auf die Fähre winken sollten. Man fragte nach den Reisepässen. Wir streckten ihnen drei Pässe entgegen. Der Beamte sah mürrisch ins Auto und streckte seinen Zeigefinger aus. Er deutete auf meinen Sohn. Wir erklärten, für ihn keinen Pass zu besitzen.

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„Das wäre ihr Schiff gewesen.“

Klar hatten wir vor Reiseantritt kurz darüber nachgedacht, ob ein Pass nötig sein würde. Doch von Italien nach Italien übersetzen, da ist doch kein Pass für ein Baby nötig. Doch! Es ist ein Pass nötig. Eine Fähre ist wie ein Flugzeug. Das war uns nicht klar.

Ich hatte mich gefreut auf unsere Kabine und auf ein Abendessen – es war bereits 18.30 Uhr. Ich war körperlich am Ende und nun durften wir nicht auf die Fähre. Wir hatten keine Unterkunft, das Geld für die Fähre war futsch und alle Urlaubspläne flogen auseinander. Ich wollte meine Wut an dem Beamten auslassen, aber ich konnte nicht richtig sprechen, weil ich ständig husten musste. Ich wollte ihnen sagen, dass sie sich diese ganze EU-Sch… an den Hut stecken können – von wegen offene Grenzen und Reisen ohne Pass. Ich wollte den Beamten schütteln oder ohrfeigen, als würde das was bringen. Schließlich heulte ich. Ich heulte wie ein Schloßhund. Einfach weil ich müde war und schlafen wollte, und das Bett, das auf der Fähre wartete, nun leer blieb. Glücklicherweise schlief meine Tochter tief uns fest und bekam von meinem Nervenzusammenbruch nichts mit. Mein Sohn dagegen machte zusätzlich Rabatz, er blieb unbeeindruckt von meinem Zustand und wollte tüchtig bespaßt werden.

Mein Partner rettete uns. Er suchte ein Hotel in der Nähe von Genua raus (natürlich hatten wir auch keine richtige Internetverbindung, und das Ganze dauerte ewig – wenn`s läuft, dann läuft`s). Wir quartierten uns also in einem Hotel an der ligurischen Küste ein und ich beruhigte mich wieder. Auf wundersame Weise hatte der Adrenalin-Schock meinen Husten verschwinden lassen. Das sollte man mal medizinisch untersuchen: Adrenalin könnte ein prima Hustenmittel sein. Am Folgetag fuhren wir weiter nach Imperia, nahe Sanremo. Dort nahmen wir uns eine nette Ferienwohnung am Meer und verbrachten vier herrliche Tage.

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Wasserläufer in Imperia

Ich bin mir nicht sicher, ob es aus Trotz war, weil ich eben jetzt erst recht nach Sardinien wollte oder aber das sture Festhalten an meinem Plan, aber wir beschlossen, uns im deutschen Konsulat in Mailand einen Reisepass ausstellen zu lassen und einen zweiten Anlauf zu starten. Im Wartezimmer des Konsulats trafen wir drei Familien, die nichts miteinander zu tun hatten, aber alle den gleichen Fehler gemachten hatten wie wir. Sie alle wollten sich einen Kinderreisepass ausstellen lassen. Vier Familien an einem Tag. Geht man davon aus, dass das jeden Tag so aussieht, fragt man sich, weshalb noch niemand auf die Idee gekommen ist, diese blöden Kinderreisepässe direkt am Fährhafen auszustellen. Ein kleines Außenbüro der Botschaft würde doch reichen. Aber klar, weshalb sollte man es den Menschen leicht machen.

Im zweiten Anlauf klappte die zwölfstündige Überfahrt nach Sardinien. Wir bereisten die Insel und besuchten die Traumstrände, die in der Vorsaison noch fast menschenleer waren. Aber im Nachhinein bin ich froh über die vier Tage in Imperia. Sardinien war schön, aber in meinen Augen ist es eine Ferieninsel, ausgerichtet auf Touristen. Mir fehlte das echte Leben, die wirkliche Ursprünglichkeit. Gerne wäre ich auf Walbeobachtung gegangen – es gibt vor Sardinien ein Walschutzgebiet, wo man Delfine, Meeresschildkröten, Mondfische und Finn- und Pottwale sehen kann. Mit einem elfmonatigen Baby allerdings ist das schwierig – vielleicht beim Nächsten Mal.

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Burgherren und -fräulein haben die weiße Flagge gehisst.

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Sardinien von seiner schönsten Seite

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Blick auf Bosa

Wir wohnten inmitten eines Olivenhains und in der alten Küstenstadt Alghero – es war schön, aber die schönsten Unterkünfte erwarteten uns tatsächlich auf unserer Rückreise. In der Toskana blieben wir zwei Nächte auf einem Ferienhof. Zwischen Weinreben jagten schillernde Bienenfresser durch die Luft und vom Pool aus, den wir fast für uns allein hatten, blickte man auf die alten Geschlechtertürme von San Gimignano.

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Bitte ein Bienchen!

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Toskana

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Geschlechtertürme von San Gimignano

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Eine Landschaft wie ein Gemälde

Die letzte Station war ein Abstecher nach Südtirol. Hier profitierten wir von unserem Patchworkfamilienleben. Achtung, ich bitte um Konzentration: Wir übernachteten bei den Eltern, der neuen Partnerin, des Vaters meiner Tochter. Kapiert?

Dort wurden wir fürstlich bewirtet. Das beste Essen, das wir auf unserer Reise vorgesetzt bekamen, war das von Hilde Craffonara. Sie ist eine begnadete Köchin und viele Zutaten kommen direkt aus ihrem eigenen Garten. Wir können uns nicht genug bedanken für die liebevolle Versorgung.

Zurück in Jena, fragte ich mich, wie lange es wohl dauern würde, bis ich mich von diesem Urlaub erholt hätte. Mittlerweile bin ich aber schon wieder bereit für die nächste turbulente Reise. Auch mit zwei Kindern kann man die Welt entdecken. Ich kann Entspannung aus Aufregung schöpfen, Kraft aus Entkräftung und Ruhe aus Bewegung. Die Enge und Starrheit des Alltags strengen mich mehr an als das Reisen und Entdecken. Je fremder mir die Umgebung ist, desto näher komme ich mir selbst und meinen Liebsten.

Ob mein Partner sich auch auf die nächste Reise freut? „Wenn ich nicht wieder so viele Taschen tragen muss“, sagt er. „Mh“, ist meine Antwort.

Ein Sommermärchen

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Wir sind auf ein Festival gefahren. Ich sitze auf der Rücksitzbank neben meinem Sohn, der leise in seinem Autositz schnarcht. Am Steuer mein Freund, neben ihm meine Tochter, die fünfjährige Beifahrerin, aus den Boxen rieselt „Belle and Sebastian“.

 

Ich lehne meinen Kopf an die Fensterscheibe, die staubtrockenen Felder ziehen müde und hitzegequält an mir vorbei und ich versinke in vergangenen Tagen. Damals saßen Freunde neben mir auf der Rücksitzbank, wir sangen und tranken billigen „Graf Artos“-Sekt, der Fahrer durfte auch mal kosten. Wir redeten über vergangene Partys oder über die Dozenten an der Uni. Ankunft, Bühnen, Zelte, die wunderbaren Sonnenaufgänge, die unsere Augenringe sichtbar machten, Gummistiefel und Schlammschlachten, Küsse, das Gefühl endlos zu sein und verloren zu gehen in einer tanzenden Masse.

„Ich hab Durst“, ruft es vom Beifahrersitz. „Mit einem Bitte geht`s besser“, tönt es vom Fahrersitz zurück. „BITTE“, ruft meine Tochter, es klingt wie ein Befehl. Widerwillig beende ich meinen Ausflug in alte Tage und reiche meiner Tochter das Wasser vor. Jetzt wird auch der Kleine wach und macht mir lautstark verständlich, dass er keine Lust hat, angeschnallt zu sein. Zum ersten Mal also ein Festival mit Kindern – davon eines gerade ein Jahr alt.

Bevor ich Mutter war, fand ich diese Eltern, die ihre Kinder mit auf große Festivals schleiften immer schrecklich egoistisch. Gerne ließ ich mich großspurig darüber aus, wie unverantwortlich so etwas doch sei und dass die Kinder ja ohnehin keinen Spaß hätten.

Das Summer`s Tale allerdings ist als Familienfestival ausgewiesen. Außerdem haben wir uns gemeinsam mit unseren Ex-Mitbewohnern aus der Ex-SUUUUPER-Familien-WG ein Ferienhaus in der Nähe des Festival-Geländes genommen, um dem nächtlichen Lärm auf dem Zeltplatz zu entgehen und in Ruhe duschen zu können. Das war allabendlich mehr als nötig.

Wir gehörten zu den etwa 13 000 Besuchern des Festivals und tingelten von Mittwoch bis Samstag über das Gelände in Luhmühlen in der Lüneburger Heide. Man könnte meinen, dass wir viele Konzerte erleben durften. Das Lineup war nicht übel: Fury in the Sloghterhouse, Editors, Tocotronic, Meute, Belle and Sebastian, Wallis Bird, Madness, Grizzly Bear, Gisbert zu Knyphausen.

Doch unsere Tage auf dem Festival sahen anders aus: Zauber- und Tanzshows für Kinder, Puppentheater, Familienyoga und Rumtoben im Zwergenland. Was soll ich sagen, es hat richtig Spaß gemacht. Wenn die Kinder glücklich sind, sind auch die Eltern glücklich. Gegen 20 oder 21 Uhr endeten unsere Festival-Tage. Dann fuhren wir zurück ins Ferienhaus, brachten die erschöpften Kleinen ins Bett, um anschließend endlich mal ein kühles Bier zu trinken und gemeinsam im Garten ein Gesellschaftsspiel auszupacken. Abenteuerlich und wild ist was anders, aber es war schön. Gegen 1 Uhr krochen auch die Erwachsenen entkräftet ins Bett. Ruhige Morgen mit Frühstück im Garten und dann wieder aufs Gelände.

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Klar konnten wir auch das eine oder andere Konzert erleben. Die Kinder bekamen Ohrenschützer auf und tobten über den Tanzplatz.

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Es war anders als früher, keine Halligalli-Remmidemmi-Party, kein Sonnenaufgang nach durchtanzten oder durchknutschten Nächten. Und das Gefühl endlos zu sein kam nicht wirklich auf, viel mehr war es das Gefühl, dass die elterliche Energie stets auf Reserve läuft. Hätte mich jemand in die Waagerechte gebracht wären meine Augen vermutlich wie bei einer Puppe einfach zugeklappt. Jemand hat zu mir gesagt, Urlaub mit Kindern sei wie Alltag unter erschwerten Bedingungen. Das gilt auch für ein Festival mit Kindern. Doch das „Summer`s Tale“ hat es Familien einfach gemacht, so entspannt wie möglich durch die heißen Tage zu kommen. Ich wollte noch bleiben, auch weil es ein SUUUUUPER-Familien-WG-Revival war.

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Wer es ausprobieren will: Der Vorverkauf für 2019 hat bereits begonnen. Ich empfehle aber tatsächlich ein Ferienhaus, das entspannt die Situation. Eine Mutter erzählte mir, dass sie ihren Festival-Besuch abbrechen werden, da es auf dem Zeltplatz nachts einfach zu laut für die Kinder sei. 

Weinschorle am Vormittag

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Mein Blog-Projekt lag brach – die zweite und letzte (so die Planung) Elternzeit meines Lebens war nicht ganz so entspannt, wie ich es erwartet hatte. Ich hab das Schreiben vermisst und täglich bin ich über Themen gestolpert, die ich so gerne aufgegriffen hätte, aber mein Sohn hat mich nicht gelassen.

Nun also weiß ich, was es bedeutet, ein Baby zu haben, das nicht still sitzen bleibt, wenn man es hinsetzt, eins das nachts alle eineinhalb Stunden wach wird, eins, das alle Aufmerksamkeit fordert, die man aufbringen kann. Meine Tochter war anders, sie ließ mir den Raum fürs Schreiben. Vielleicht fragt ihr Euch, wie es kommt, dass ich nun den Blog in einem erneuten Anlauf reaktivieren will. Gerade jetzt, da ich bald wieder anfange zu arbeiten – Vollzeit. Nun das hat verschiedene Gründe. Davon sind zwei sehr wesentlich.

Den ersten Grund erkläre ich mit den Pauken und Trompeten von „Meute“, weil ich sie jüngst live beim „Summer`s Tale“ Festival sah.

Laut hören und den wirklich tiefsinnigen Text darunter lesen:

 

Kindergarten, Kindergarten, Kindergarten,

Kinder, Kinder, Kinder, Kinder,

Kindergarten,

Garten, Garten, Garten,

Yeah, Yeah,

eine Weinschorle am Nachmittag,

Yeah,

Kindergarten

und noch zehn Tage Elternzeit,

Kindergarten,

Yeah,

bis 15 Uhr,

Weinschorle am Nachmittag,

frei, frei, frei, frei,

Kindergarten, Kindergarten, Kindergarten, Kindergarten,

DANKE Kindergarten!

Der zweite Grund für meine Rückkehr ins virtuelle Schreiber-Dasein ist ein trauriger. In den einsamen Mutterstunden des vergangenen Jahres, in denen ich in Baby-Bla-Bla vor mich hin lallte und darauf wartete, dass mein Partner von der Arbeit kommt, um ihn mit kaum enden wollenden Redeschwällen zu bombardieren und mich verlegen dafür zu rechtfertigen, weshalb ich es nicht geschafft habe, etwas zu kochen (nicht, dass er es verlangt hätte – ich konnte nur selbst kaum glauben, dass die Zeit dafür nicht ausreichte), in dieser monotonen mütterlichen Megablase also hielt ich mich an dem Gedanken fest, dass ich bald wieder schreiben kann.

Ich freute mich auf den Wiedereinstieg in die TLZ-Redaktion. Bald würde ich acht Stunden täglich haben, um dem nachzugehen, was ich wirklich gern tue: mit Menschen reden, ihnen zuhören, Geschichten sammeln, neue Ideen verbreiten, über Außergewöhnliches berichten oder über Gewöhnliches, das bei genauerem Hinsehen ganz erstaunlich ist.

Es ist ein großes Glück, einen Job zu haben, der einem Spaß macht. Ich habe das nie als selbstverständlich angesehen. Natürlich gibt es die hässlichen Schattenseiten des Journalismus. Schließlich ist bei einem Teil der Bevölkerung die Anerkennung für journalistische Arbeit nicht nur auf Null gesunken, sondern auch noch in Misstrauen und sogar in Verachtung umgeschlagen.

Achtung, kurze Anekdote dazu:

Jüngst wurde mir auf dem Rummel (es bereitet mir seelische Qualen, zum Rummel zu gehen, aber was tut man nicht alles für die lieben Kleinen) vom Betreiber einer Trampolin-Anlage erklärt, dass ich den schlimmsten Beruf der Welt ausübe. Klar, wenn man den ganzen Tag hüpfende, glückliche Kinder vor sich hart, muss einem alles andere schlimm erscheinen, aber frech fand ich das dennoch.

Die fünfjährige Freundin meiner Tochter hatte sich auf dem Trampolin anschnallen lassen und begann dann zu weinen. Sie wolle nicht hüpfen. Ich bat den Herren, die Kleine wieder abzuschnallen und fragte, ob es üblich sei, dass man in so einem Fall sein Geld zurück erhalte – immerhin kostete die Geschichte fünf Euro. Die Antwort war: „Nein, üblich ist das nicht. Stellen Sie sich mal vor bei Ihnen auf Arbeit würden die Leute sich erst so und dann wieder so entscheiden.“

Der Hinweis darauf, dass es sich doch um Kinder handle und diese sich eben manchmal umentscheiden oder Angst bekommen, wurde abgewiegelt. Er hätte hier seinen Job zu machen. Trotzdem gab er mir das Geld schließlich zurück und fragte mich, was ich denn arbeiten würde. Er wollte mir wohl klar machen, dass es hochgradig kulant von ihm war, mir das Geld zurück zu geben und dass das in anderen Berufen sicher auch nicht üblich wäre.

Klug wäre es meinerseits gewesen, das Gespräch abzubrechen. Leider bin ich viel zu unbeherrscht und reagiere dementsprechend in vielen Fällen nicht sehr klug. Freundlich ausgedrückt könnte man mich temperamentvoll nennen – cholerisch veranlagt trifft es wohl besser. Ich wusste, wenn ich jetzt sage, dass ich Redakteurin bin, gibt es richtig Ärger. Ich kann mittlerweile einschätzen, wer was von Journalisten hält. Einen kurzen Moment dachte ich darüber nach, zu sagen, dass ich Erzieherin, Ärztin oder Wurst-Fachverkäuferin bin – irgendetwas Unverfängliches. Leider liegt es auch nicht in meiner Natur, das ,was ich bin zu verleugnen oder mich als etwas darzustellen, was ich nicht bin. Also sagte ich: „Ich schreibe für die lokale Presse.“ Sofort prustete der Herr los: „Journalisten, der schlimmste Beruf überhaupt. Die wissen ja alle gar nicht, was sie überhaupt wollen.“ Seine Tochter sei Pressesprecherin und müsse sich täglich mit „denen“ rumschlagen, er wisse Bescheid, was da los sei. Ich verpasste es zu sagen, dass seine Tochter ohne die Journalisten dann vermutlich arbeitslos wäre.

Gut, mein geliebter Beruf hat also Schattenseiten. Ich bin angreifbar. Mache ich einen Fehler, sehen ihn alle, ich kann ihn nicht verstecken, er steht geschrieben – Schwarz auf Weiß. Manche unterstellen mir dann schlechte Recherche oder – noch schlimmer – gezielte Fehlinformation oder – fast genauso schlimm – Dummheit. Aber meist sind die Journalisten eben diejenigen, die sich von Fachleuten und Experten etwas erklären lassen und versuchen müssen, es zu verstehen und zu hinterfragen und für alle verständlich aufzubereiten. Ist nicht immer einfach, schon gar nicht im Alltag eines Tageszeitungsredakteurs, der zeitlich stets unter hohem Druck steht.

Guter Journalismus kostet Geld, das ist nicht da, oder es ist da, aber an der falschen Stelle, und das ist ein Desaster. Denn nun macht sich überall schlechter Journalismus – vor allem im Internet – breit. Ich rede hier nicht davon, dass ich ein guter Journalist bin (die Gender-Freunde mögen mir das fehlende „in“ verzeihen). Ich rede davon, dass gut recherchierte Informationen wichtig sind.

Aber eigentlich sollte es hier darum gehen, weshalb ich nun versuche, wieder zu bloggen. Kurz: Ich werde nicht in die Lokalredaktion zurückkehren. Man könnte sagen, mein zweites Kind hat mich meinen alten Job gekostet. Klar war es das wert. Trotzdem ist es bitter für mich. Ich werde innerhalb der Mediengruppe eine andere, nicht schreibende Funktion übernehmen. Aber ich will und kann auf das Schreiben nicht ganz verzichten, also muss der Blog wiederbelebt werden.

Du bist, was du fährst

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Ich bin zweimal durch die praktische Fahrprüfung gefallen – das war vor 18 Jahren. Seitdem ich es im dritten Anlauf geschafft habe, fühle ich mich am Steuer ziemlich wohl und sicher. Ob das auch meinen Mitfahrern so geht? Kommt vermutlich auf die Toleranzschwelle an.

Mein Vater, dessen einzige Prinzessin ich bin, hat seltsame Vorstellungen von Stil und von Frauen – entschuldige Mutsch, wie er dich bekommen konnte, ist mir ein Rätsel. Er wollte mir damals als ich die Fahrprüfung bestanden hatte, eine Freude machen und stellte mir einen Sportwagen zur Probefahrt vor die Tür, einen Fiat Barchetta in quittengelb – einen Zweisitzer – Cabriolet. Diese Sport-Zitrone stand wie ein UFO auf der Dorfstraße meines Heimatdorfes, das damals zweimal täglich von einem Bus angefahren wurde – sprich, ein Dorf am Ende der Welt. Ich sah wie sich die Spitzen-Gardinchen der Nachbarn leicht bewegten, ich wusste, wir wurden beobachtet, und ich wusste da hinter den Gardinen wurden Zeigefinger an die Schläfen getippt.

Ich schämte mich unendlich als ich einstieg, aber ich tat es für meinen Vater, dessen Augen glänzten wie die eines kleinen Jungen, dem Spiderman persönlich ein Schokoeis spendiert. Es war schwer, ihm zu erklären, dass dieses Auto nicht ganz das ist, was ich mir vorgestellt hatte.

Irgendwann fuhr er mit mir zu einem Gebrauchtwagenhändler und ich suchte mir einen Opel Astra aus. Er war so schön. Mein Vater ließ es sich nicht nehmen, einen Heckspoiler auf das Ding setzen zu lassen bevor ich es bekam, aber damit konnte ich leben.

Ich fuhr den guten Opel zwölf Jahre lang. Er brachte mich zuverlässig überall hin und lehrte mich vieles über Autos. Ich wäre ihn vermutlich zwölf weitere Jahre gefahren, hätte sich nicht wieder mein Vater eingeschaltet. Zu unsicher, zu alt – ich brauch was Neues. Nach andauernder Gehirnwäsche glaubte ich ihm. Ich holte mir abermals einen Opel Astra – diesmal einen Kombi. Auch der trägt mich schon viele Jahre zuverlässig durch die Welt.

Leider hat er nun einige Macken, deren Reparatur so teuer kommen würde, dass der Kauf eines neuen Gebrauchten ansteht. Und zum ersten Mal muss ich meine eigenen Vorstellungen nicht nur gegen die meines Vaters durchsetzen, sondern auch gegen die meines Partners.

Ginge es nach mir, hätte ich für sehr wenig Geld ein ziemlich altes, großes Auto gekauft – einen Van vielleicht oder gar einen Bus. Ich wollte schon immer einen Bus – Hach. Wenn man mal Freunde der Kinder mitnehmen will, ist in einem normalen Kombi schon kein Platz für einen dritten Kindersitz auf der Rückbank, und als Erwachsener möchte man auch nicht eingekeilt zwischen zwei Kindersitzen längere Strecken zurücklegen.

Platz war für mich das höchste Kriterium. Ich habe bereits lange Autoreisen mit einem Kind unternommen und weiß wie es nach kurzer Zeit im Auto aussieht: Bücher, Spielsachen, Wickelzeug, Müll, Essen, Getränke: alles fliegt durcheinander. Platz ist eine Voraussetzung für halbwegs stressfreies Reisen mit Kindern.

Geschwindigkeit? Brauch ich mit zwei Kindern eh nicht – wenn mich der Motor meines Wagens zur Entschleunigung zwingt, sehe ich das als Geschenk. Mein Partner aber sieht das eher als Belastung. Während er das Ziel vor Augen vorwärts strebt, habe ich die Augen am Wegesrand und erreiche dabei das Ziel manchmal nicht, was mich nicht stört, denn es gab ja viel zu sehen. Mein Liebster will es komfortabel: Multifunktionslenkrad, wenn möglich Automatik, Tempomat und genügend Kubik und PS.

Auch optisch gehen unsere Vorstellungen auseinander. Meine Leidenschaft für das charmant Hässliche, kann mein Partner nicht teilen. Ihm gefällt es schnittig und schick. Vom BMW oder Mercedes – und ich rede nicht von den Uraltmodellen, die einen gewissen Charme besitzen – konnte ich ihn erfolgreich abbringen. Er hat es Zähne knirschend akzeptiert, dass ich keine rationale Erklärung für meine Abneigung gegen diese Fahrzeuge habe. Würde ich mit einem solchen Schiff fahren, würde ich mich vermutlich so ähnlich fühlen wie mein Partner in einem Fiat Uno.

Manchmal brachten mich die unterschiedlichen Vorstellungen von unserem zukünftigen Fahruntersatz wirklich ins grübeln. Passen wir überhaupt zusammen? Sollte ich einfach einen Bus kaufen und mich damit absetzen?

Doch Familienleben funktioniert nur mit Kompromissen. Ich habe mal gehört, ein Kompromiss erschaffe mindestens zwei Verlierer. Letztlich war keiner von uns beiden klug oder stark genug, um seine Sichtweise vollständig durchzusetzen. Keiner war nachgiebig oder liebestrunken genug, um seinen Standpunkt ganz fallen zu lassen, und was bleibt ist ein VW Golf Kombi.

In einigen Monaten werden wir mit dem „Neuen“ unsere erste Reise antreten – wir haben einige Tausend Kilometer vor uns. Wir werden sehen, wie sich unser Kompromiss in der Praxis macht. Und ich bin gespannt wie es ist, mit zwei Kindern zu reisen…

Stresstest Essen

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Wir waren essen – im Restaurant – mit fünf Kindern im Alter zwischen einem halben Jahr und sechs Jahren. Es gab eine Zeit, da verleierte ich die Augen, wenn sich im Restaurant eine Familie mit Kindern in meine Nähe setzte. Im Stillen fragte ich mich, ob man nicht mal ein paar Jahre lang zu Hause essen kann. Notfalls kann man sich doch auch eine Pizza bestellen. Bis die Kinder in einem gesellschaftsfähigen Alter sind, kann man doch bitte seine Nahrungsaufnahme auf die eigenen vier Wände beschränken. Es fehlte mir an jeglicher Empathie für die Eltern.

Heute sehe ich das freilich anders. Mein Blick ist weiter geworden und in mein Sichtfeld ist eine Lücke gerückt, die mir früher nie aufgefallen war: Weshalb gibt es eigentlich so wenige wirklich gute Restaurants mit großen Spielecken. Ich rede nicht von kleinen, dreckigen Ecken mit versifften Bauklötzen und zerfledderten Büchern. Ich rede von Spielecken mit Kletterwand und Rutsche und kleinen Höhlen zum Verkriechen in denen Sterne an die dunkle Höhlenwand projiziert werden. Ikea und McDonalds zeigen ja, dass es wirtschaftlich gesehen eine gute Idee sein kann, die Kinder gut zu beschäftigen, damit die Eltern konsumieren können. Leider sind McDonalds und Ikea aus anderen Gründen nicht unbedingt Ziele, die ich in meiner Freizeit anstrebe. Wobei auch in meiner Wohnung die Malm-Kommode (für die es im Übrigen eine Rückrufaktion gibt, weil sie in den Staaten bereits mehrere Kinder erschlagen haben soll) einen Platz gefunden hat und ich gern mal den einen oder anderen Burger verdrücke.

Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass Lokalitäten mit Stil und Klasse, Kinder nicht mit einplanen. Kinder sind laut, machen Dinge kaputt, stoßen sich ihre Köpfe an den Tischkanten und können nicht essen ohne zu kleckern. Es ist nicht so, dass ich jeden Monat gut essen gehen will, das könnte ich mir gar nicht leisten, aber wenn man es schon mal tut, wäre es prima, wenn es da auch ein Angebot für Familien gebe. Man könnte sich zum Beispiel ein Restaurant mit Kinderbetreuung vorstellen. Jemand, der die Kinder lustig schminkt oder mit ihnen Einhörner und Piraten bastelt, vielleicht könnte man mit ihnen Plätzen backen oder ihnen etwas vorlesen oder Eierlauf-Wettkämpfe mit ihnen veranstalten. Für all das würden Familien sicher einiges springen lassen. Man zahlt einfach eine Pauschale für diese Dienstleistung – plus die Rechnung für das Essen. Wird sicher kein günstiger Ausflug, aber ein entspannter könnte es werden. So könnten die Eltern genießen und die Kinder hätten auch Spaß.

All das gab es jedenfalls in „Chinas Welt“ in Leipzig nicht. Wir waren zwar nicht die einzigen Gäste, die mit Kindern dort aßen, aber ganz sicher die einzigen, die es mit so vielen Kindern wagten. Tatsächlich gab es in „Chinas Welt“ eine Spielecke. Sie hatte geschätzte zwei Quadratmeter. Man möchte ja nicht in Klischees denken, aber so groß stelle ich mir ein Kinderzimmer in Hongkong vor. In dem Verschlag gab es einen kleinen Tisch auf dem fünf Stifte lagen, die alle samt abgemalt waren. Weil es zu den Stiften auch kein Papier gab, waren die Wände des Verschlags nach pollokscher Art gestaltet. Ich bot meiner Tochter an, sie solle doch einfach auch ein bisschen auf die Wand kritzeln. Ein Vater, der sich mit seinem Sohn ebenfalls in den Verschlag gequetscht hatte, warf mir daraufhin vernichtende Blicke zu. Sein Sohn blaffte mich mit seiner hohen Stimme naseweis an: „Das darf man aber nicht.“ Ich lächelte und antwortete: „Das darf man nur zu Hause nicht. Hier darf man das, denn hier gibt es kein Papier und es macht Spaß an die Wand zu malen.“ Der Vater sagte nichts. Sein Gesicht war finster. Er nahm dann seinen Sohn an die Hand und kroch mit ihm aus dem Verschlag. Ob es daran lag, dass er Angst hatte, ich könnte seine erzieherischen Erfolge vernichten oder einfach daran, dass es in der „Spielecke“ nichts zu spielen gab, ich weiß es nicht.

Meine Tochter wollte auch nicht bleiben und wir gingen zurück zu dem runden Tisch mit der drehbaren Glasplatte in der Mitte um den alle unsere Freunde Platz genommen hatten. Mittlerweile war das Essen bestellt. Unsere kinderlosen Freunde hatten sich zum Essen sogar ein bisschen rausgeputzt. Die Eltern unter uns hatten es zumindest versucht – auf die Schnelle. Vielleicht hatten unsere Leipziger Freunde gedacht, wir könnten uns ein wenig unterhalten, vielleicht hatten sie geglaubt, wenn wir uns endlich mal wiedersehen, erfahren wir ein wenig voneinander und würden etwas Spaß zusammen haben und vielleicht nach dem Essen noch was trinken. Doch schon nach den ersten zehn Minuten am Tisch wurden diese Vorstellungen begraben unter den Tränen von gelangweilten Kindern. Es dauerte seine Zeit bis die Kinder ihre Sitzordnung lautstark ausgehandelt hatten. Mit dem Ergebnis ihrer Aushandlungen entschied sich auch die Sitzordnung der Eltern. Aus den Blicken unserer kinderlosen Freunde sprach wechselweise Unverständnis, Anspannung und Genervtheit.

An dieser Stelle mal ein Halleluja auf die digitale Welt, irgendwann zückte meine Freundin ihr Smartphone und die Kinder wurden mit „Pettersson und Findus“ temporär ruhig gestellt. Das Besteck, das zuvor als Trommel-Equipment diente, blieb liegen. Herrlich war es als dieses Klappern, Klimpern, Kichern und Klopfen aufhörte. Ob unsere Kinder nun besonders schlecht erzogen sind? Keine Ahnung. Mir fehlt der Vergleich. Wir haben durchaus mit Strenge versucht, die Lautstärke einzudämmen, aber nur mit mäßigem Erfolg. Mit einem Kind wäre es wohl auch machbar gewesen, aber mit fünf Kindern – mh.

Die Kellner waren von der Kinderschar an unserem Tisch sichtlich irritiert, aber man hatte uns zumindest ein Separee zukommen lassen. Ob das zu unserem Besten oder zum Schutz der anderen Gäste war, lässt sich schlecht beantworten. Von unserer Anfrage, ob man wohl Reis und Hühnchen ohne Soße haben könnte, waren die Kellner ebenfalls irritiert. Weil das Restaurant an diesem Abend sehr gut frequentiert war, gab es für die Kinder keine Extra-Wurst, die Kellner lehnten unsere Bitte auf Hühnchenfleisch pur ab. Für die Kinder gab es also Reis, hier und da mal ein Stück Fleisch, das zuvor penibel von jedem Tröpfchen Soße befreit werden musste und Stullen, die wir in weiser Voraussicht mitgebracht hatten.

Als das Essen auf dem Tisch stand, verbreitete sich kurzzeitig entspannte Freude. Tatsächlich ist das Essen in „Chinas Welt“ hervorragend. Allein die Vorspeisen waren ein Fest. Alles wurde in der Mitte drapiert und der Tisch drehte sich fortlaufend, damit jeder alles kosten konnte. Die Peking-Ente war ein Knüller, das Lamm für meinen Geschmack vielleicht einen Hauch zu scharf, aber alles schien mir wirklich landestypisch; stilecht und nicht zu sehr auf den deutschen Gaumen abgestimmt. Während die Erwachsenen sich gegenseitig ganz verzückt Essen anboten und sich die Ente mit Pflaumensoße oder das Schweinefleisch mit Maronen oder die gebratenen Garnelen schmecken ließen, hörte man von den Kindern hin und wieder ein „Bähhhh“. Eigentlich fanden sie das Meiste auf den Tellern eher „Kacka“. Was in unseren Nasen verführerisch duftete, wurde von ihnen mit einem lauten „Das stinkt!“ gewürdigt und dann lachten sie los.

Das Restaurant selbst passt in seiner Gestaltung ebenfalls nach Hongkong: weiträumig, hallenartig und dezent – nicht die übliche China-Kitsch-Bombe. Ein Besuch lohnt kulinarisch gesehen in jedem Fall. Ich gebe da mal eine klare Empfehlung ab – allerdings sind Vegetarier in „Chinas Welt“ eher fehl am Platz. Wer kann, sollte die Kinder bei Oma und Opa parken. Dort bekommen sie ganz sicher Spaghetti und Tomatensoße, und alle sind glücklich.

Wir schlossen unser Essen in „Chinas Welt“ ohne verschüttete Getränke oder zerbrochene Teller ab, was schon mal eine Leistung ist. Mit unseren Freunden hatte ich kaum ein ruhiges Wort wechseln können. Den gemeinsamen Brunch, den wir für den nächsten Morgen angesetzt hatten, ließen wir übrigens ausfallen. Wir aßen zu Hause bei Freunden

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und gingen stattdessen einfach mit den Kindern auf den Spielplatz. Als ich später fragte, ob jemand beim Essen Fotos gemacht hat, antwortete mir ein Vater: „Nein, ich war zu gestresst.“ Aber zwei Mütter hatten es trotz des Stress` geschafft, den „gemütlichen“ Abend zu dokumentieren. So konnte ich Euch ein Bild präsentieren. Mahlzeit!

Es war einmal eine SUUUUPER-Familien-WG

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Es war einmal eine Super-Familien-WG

Es ist vorbei. Vielleicht nicht endgültig, aber doch vorerst vorbei. Meine beiden Kinder haben Abschied genommen von Menschen, die sie Zeit ihres Lebens um sich hatten. Und ich habe Abschied genommen von der Idee des unkonventionellen Lebens, abseits der Mutter-Vater-Kind-Spießigkeit in der Dreieinhalbzimmerwohnung. Es ist ein schmerzlicher Abschied gewesen.

Viereinhalb Jahre haben ich und meine Tochter mit meiner engsten Freundin und ihrem Ehemann zusammengelebt: eine Familien-WG.

Manchmal, wenn ich jemanden davon erzählte, geriet ich in eine Art Rechtfertigungsdruck. Schnell vermutete die deutsche Spürnase eine Dreiecksbeziehung – wenigstens aber irgendwelche sexuellen Verstrickungen untereinander, oder wir wurden ohne Umschweife in die Kommunen-Kiste gepackt – alternative Hippies, die sich gegenseitig die Amaranth-Krümelchen ins Müsli rieseln lassen.

Dabei war es viel besser als das. Es war eine Wahlverwandtschaft. Keine Zettel am Joghurt im Kühlschrank, keine gebunkerten Lieblingskekse im Schreibtisch, kein Putzplan und keine WG-Kasse. Wer Zeit hatte kaufte ein oder kochte – für alle. Wer Zeit hatte, putzte und räumte auf. Ob es Streit gab? Manchmal, aber nicht mehr als in jeder anderen Familie.

Meine Tochter war das erste Kind, was in die WG hineingeboren wurde, 2 Jahre später gefolgt von dem kleinen J., dem Sohn meiner Mitbewohner. Mit seiner Geburt waren wir zu fünft in einer Vierraumwohnung, die zugegebenermaßen die Fläche eines kleinen Einfamilienhäuschens hat – aber eben nur vier Zimmer. Als nun mein Partner mit in die Wohnung zog, gestaltete sich die Raumaufteilung folgendermaßen: Die beiden erwachsenen Paare teilten sich jeweils ein Zimmer, das waren dann für die Paare Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmer in Einem. Meine Tochter und der Sohn meiner Mitbewohner hatten jeweils ein eigenes Zimmer.

Mein Partner wünschte sich zwar, ein bisschen mehr Platz für sich, aber im Grunde war er mit dem Familien-WG-Leben einverstanden – sonst wäre er wohl auch nicht mein Partner. Das Zusammenleben als „Großfamilie“ hatte viele Vorteile. Der Betreuungsschlüssel für die Kinder war mit 4 zu 2 unschlagbar. Wenn ich abends weggehen wollte, konnte ich das auch ganz spontan entscheiden. Dann brachte ich meine Tochter ins Bett und meine Mitbewohner bekamen das Babyphon in die Hand gedrückt. Umgekehrt funktionierte das natürlich genauso. Außerdem konnte ich mit meinem Partner gemeinsam das Haus verlassen – ohne Kinder und das ebenfalls spontan. Kinderlose mögen jetzt denken: Hä, ist doch was ganz Banales. Eltern wissen, dass das eine ganz besondere Sache ist.

Unser Wohn- und Lebenskonzept fügte für mich zusammen, was in der modernen Gesellschaft auseinandergebrochen ist: Das Großfamilienleben, bestehend aus mehreren Generationen unter einem Dach. Wobei die Familien-WG im Vergleich zur echten Großfamilie einen entscheidenden Pluspunkt hat: Man kann sich seine Mitbewohner aussuchen. Klar – ich muss es der Fairness halber sagen – so ein Lebensmodell klappt nicht mit allen Menschen, man kann es nicht erzwingen. Bei uns ist es gewachsen. Außerdem braucht man viel Gelassenheit. Wenn alle WG-Bewohner mein Temperament gehabt hätten, hätte es nie funktioniert, aber meine Freundin und ihr Mann sind enorm ausgeglichen. Sie sind nicht neidisch oder missgünstig, sie sind aufmerksam, entgegenkommend, offen, tolerant, witzig und ganz auf meiner Wellenlänge. Ich vermisse sie und meine Tochter vermisst sie auch.

Ich erinnere mich an die Anfangszeit in der WG. Da, wo heute ein Bett in Übergröße steht, damit Baby und Kleinkind mir und meinem Freund nachts mit Fußtritten und Hungergelüsten den Schlaf rauben können, stand mal ein Kicker. Abends kamen Leute vorbei und wir trugen Turniere aus. Als meine Tochter geboren war, polsterten wir die Tore des Tischkickers aus, damit die donnernden Jet-Shots, die in den Kasten knallten, sie im Nachbarzimmer nicht aus dem Schlaf rissen. Unsere Küche war abendlicher Treffpunkt für viele Freunde. Der Vorrat an Wein oder weniger vornehmen Alkoholika wie Pfeffi ging nie aus. Es war schön.

Schon mit dem zweiten WG-Kind änderte sich jedoch einiges. Die Freunde kamen nicht mehr ganz so oft, der Kicker wich einer Couch. Viele unserer Freunde haben selbst noch keine Kinder. Da verschieben sich plötzlich die Lebenswelten, die Tagesrhythmen und die Prioritäten. Klar will ich auch gern mal wieder eine Nacht durchtanzen, aber der Preis ist mir zu hoch. Ich will lieber die Zeit mit meinen Kindern verbringen – und zwar halbwegs fit.

Wie auch immer: mit dem zweiten Kind in der WG begann es ruhiger zu werden. Aber wir hatten ja uns. Die Erwachsenen konnten am Abend gemeinsam in der Küche sitzen. In einer WG ist man nicht auf die Paarbeziehung zurückgeworfen. Man hat soziale Puffer, die auch der Paarliebe gut tun.

Doch dann kündigte sich etwas an, was das Ende der WG einläutete: Ich wurde zum zweiten Mal schwanger, und mit dem Babybauch wuchs auch meine Platzangst und mein Bedürfnis nach Ruhe. Wir suchten lange Zeit nach einer großen Wohnung, in die wir alle gemeinsam einziehen können. Sieben Zimmer, zwei Bäder: Das wäre perfekt für uns gewesen. Aber wir leben in Jena, da muss ich ja wohl kaum noch weiterreden. Wir fanden einfach nichts, was unser Zusammenleben möglich gemacht hätte. Es gab hier und da eine Option, die wir uns aber dann doch nicht leisten konnten, obwohl wir vier Verdiener sind.

So begannen mein Freund und ich, nach einer ganz gewöhnlichen Familienwohnung zu suchen. Eine Weile lebten wir noch zu siebt in der Vierraumwohnung. Eine Vierjährige, ein Eineinhalbjähriger, ein Neugeborenes und vier Erwachsene. Hinzu kamen der Vater meiner Tochter und dessen neue Freundin, die ebenfalls oft bei uns waren und die Eltern meiner Mitbewohnerin, die häufig auf den kleinen J. aufpassten. Man stelle sich vor, dass man 7 Uhr morgens, nach einer Nacht, in der das Baby etwa alle eineinhalb Stunden nach Milch verlangte, in die Küche kommt, um einen Kaffee zu trinken und dort halten sich bereits drei Erwachsene und zwei weitere Kinder auf. Das ist echter Spaß am Morgen.

Nun leben wir seit dem 1. September getrennt. Meine Mitbewohner sind ausgezogen. Wir sind in der alten Wohnung geblieben. In den vergangenen Wochen haben wir Schränke hin und her geschoben, mussten Möbel kaufen, Kisten packen und wieder auspacken und haben eine unfassbare Menge Sperrmüll produziert. Jetzt sehe ich langsam wieder Licht am Ende des Tunnels, der aus Kisten und Kartons gebaut ist. Deshalb kann ich endlich wieder am Blog schreiben.

Nun also habe ich mich eingerichtet, wie es die meisten Menschen tun: kleinfamiliär und einsam. In meiner ersten Elternzeit spielte ich mit dem Mann meiner Freundin tagsüber Playstation. Er schrieb damals an seiner Bachelorarbeit, war also zu Hause und wir konnten die Tage gemeinsam verbummeln. ( Er hat seine Bachelorarbeit bestanden, auch wenn es etwas gedauert hat.) Jetzt bin ich wie so viele Muttis tagsüber mit dem Kleinen allein und sehne mich nach Erwachsenen, die mich dazu bringen, normal zu reden und nicht mit hoher Stimme zu wispeln: „Na, das war aber ein großer Pupsi. Jetzt geht es dir besser, gelle mein Schatz.“ Brrrr, wenn ich das schreibe wird mir ganz komisch. Rede ich wirklich so? Ja. Tue ich. Hört ja niemand. Macht mich auf Dauer trotzdem kirre.

Mein zweites Kind hat mich zur herkömmlichen Form der Lebensgestaltung geführt. Während ich das schreibe muss ich an einen Spruch denken, den ich irgendwo, irgendwann, von irgendjemanden mal gehört habe: „Wer unkonventionell leben will, sollte sich eine gute Tarnung zulegen.“ Die Tarnung steht.

Mutter, Vater, Kind und Hahn – oder Kran

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Meinem Text werde ich eine kleine Anekdote voranstellen, die vielleicht auch als Rechtfertigung dafür dienen kann, dass der anschließende Text etwas wirr klingt: Kürzlich warf ich am Morgen einen Blick auf die Cornflakes-Packung und fragte mich wie das abgebildete Tier heißt. Die Weibchen nennt man Henne, aber auf der Packung war ein Männchen. Ich wühlte in meinem geistigen Vokabelbuch, doch da wo eigentlich der gesuchte Begriff sein sollte, hatte jemand den Radiergummi angesetzt und alles verschwinden lassen. Ich sah aus dem Fenster und dachte sehr, sehr angestrengt nach. Das konnte doch nicht wahr sein, das ist doch ein Wort, welches fest in meinem Kopf verankert sein müsste. Kein Fremdwort, dass mit Bleistift eingetragen wurde, sondern eines, das mit wasserfester Farbe in mein Hirn gedruckt sein müsste.

Ich versuchte es über Assoziationen: Das Tier kräht, so viel wusste ich. Eine Krähe? Quatsch. Das Tier macht: „Kikeriki“. Ein Krähe macht doch nicht „Kikeriki“. Es gibt ein Sprichwort mit diesem Tier: „Kräht der ??? auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist.“ Aber wie, verdammt noch mal, heißt das blöde Vieh auf dem Mist.

In der Ferne vorm Fenster gibt es eine Baustelle und dann fiel mir ein Wort ein: „Kran“. Ja, Kran, so heißt das Tier. Nein. Doch nicht. Ein „Kran“ ist irgendetwas anderes, aber was? Langsam bekam ich Angst. Wo waren all die Worte hin? Und was zum Teufel machte der „Kran“ in meinem Kopf? Dann sah ich bewusster aus dem Fenster und nahm den Baukran wahr. Aha. Ja, daher kam das Wort. Gut. Aber wie heißt nun dieses verflixte Tier auf der Cornflakes-Packung?

Ich habe es nicht geschafft, den Begriff wiederzufinden, deshalb machte ich – na, was wohl? Ich fragte Google. HAHN – na klar. Manno. Ich googelte dann gleich weiter: „Früh einsetzende Demenz“. Vermutlich bin ich nicht dement, sondern einfach nur übermüdet. Im Schlaf werden Dinge abgespeichert und das Hirn regeneriert sich. Bei fehlendem Schlaf wird das Abrufen von Informationen erschwert.Ich bin ohnehin ein zerstreuter Mensch, aber seit mein Sohn da ist, muss ich mir alles ins Handy einspeichern, sonst vergesse ich es.

So viel also vorab. Und nun zum eigentlichen Thema:


Ich versuche es zum wiederholten Mal. Ich will über Familienmodelle schreiben über Patchwork-Familien insbesondere. Anlauf genommen habe ich bereits unzählige Male, aber es will einfach kein gelungener Text daraus werden. Es gibt zu viele Einerseits und Andererseits. Egal bei welchem Gedanken ich beginne, ich lande immer wieder in einem Labyrinth von Möglichkeiten und Meinungen voller Sackgassen und Kreisverkehren.

Weshalb fällt es mir so schwer, diesen Text zu schreiben? Weil auch ich, obwohl ich auf meinem Blog viel über mich und meine Familie preisgebe, meine Privatsphäre habe, weil auch ich Geheimnisse habe, Gedanken, die ich mir selbst nicht erlaube und ich habe ein Image von der lockeren Mutti, die unkonventionell und etwas verpeilt, aber durchaus funktionierend durch die Elternschaft stolpert. Dieses Image will ich nicht mit drei Sätzen zum Einsturz bringen. Wenn es um Patchwork-Familien geht, kann man außerdem schnell Menschen auf den Schlips treten. Schnell fühlen sich alleinerziehende Mütter angegriffen oder unverstanden, Väter ihrer Rechte und Bedürfnisse beraubt oder Großeltern missachtet. Letztlich habe ich mir selbst noch keine endgültige Meinung zum Thema Patchwork gebildet. All das macht es mir sehr schwer, einen gelungenen Text zu schreiben.

Es ist seltsam: In Filmen, in Fernsehserien, in den Medien wird das Patchwork-Modell heute häufig so dargestellt, als könne man Familien beliebig oft auseinandernehmen und neu zusammensetzen. Brüche in den Familiengeschichten können einfach geflickt werden und nach Trennungen kommen irgendwann neue Menschen zur Familienkonstellation hinzu und bereichern das gemeinsame Leben. Es ist das reinste Patchwork-Harmonie-Seifenoper-Gedudel. Herz-Schmerz, Trennung, neue Liebe und mittendrin drei Kinder. Bloß nicht die romantische Liebe aufgeben oder das Feuer der Leidenschaft gegen die Langeweile eines Beziehungsalltags tauschen.

Es wird so getan, als wäre es eine super Sache für die Kinder, wenn sie plötzlich zwei Mamas, zwei Papas und einen Sack voll Großeltern haben. Da können sie ja überall das Beste abgreifen, und jeder Mensch, der das Kind zusätzlich liebt und ihm Imput gibt, ist ein Glücksfall. Doch die Kinder haben sich das so nicht ausgesucht. Sie werden damit einfach konfrontiert.

Und nun geht es schon los: Wenn man über die Kinder nachdenkt, deren Eltern kein Paar sind, dann spielt es eine Rolle wie alt die Kinder sind, wie lange die Eltern zusammen waren, wie sich getrennt haben, wie sich die Eltern nach der Trennung verstehen, ob die Eltern in der gleichen Stadt leben und wie die Kinder charakterlich veranlagt sind. All das kann man aber unmöglich in einem Text berücksichtigen. Ohne darüber eine soziologische oder psychologische Studie anzufertigen. Ich habe mir fest vorgenommen, mit verschiedenen Kinderpsychologen über das Thema zu sprechen und die Interviews darüber zu veröffentlichen.

Bis dahin bleibt mir nichts übrig, als einige vage Gedanken zum Thema zu formulieren und von meinen ganz persönlichen Erfahrungen zu sprechen. Manchmal erscheint es mir so, als gebe es kaum noch Familien, in denen es nicht irgendwelche Trennungsgeschichten gibt. Ich kenne gleich zwei wirklich wunderbare Mütter im persönlichen Umfeld, die vier Kinder von drei Männern haben. Ich habe einen guten Freund, der drei Kinder mit drei Frauen hat. Ich habe einen schwulen Freund, der sich nichts sehnlicher wünscht als ein Kind und sich auf Internetseiten wie „familyship.org“ informiert und hofft, dort sein Kinderglück zu finden. Ich kenne ein schwules Paar, dass ein Pflegekind aufzieht und ich habe einen wunderbaren Freund, der mehrere Jahre mit zwei Müttern aufgewachsen ist. Die Liste von alternativen Familienmodellen in meiner nächsten Umgebung ließe sich beliebig verlängern. Doch laut statistischem Bundesamt trügt der Schein. Noch immer ist die „Normalfamilie“ das zahlenmäßig häufigste Modell in Deutschland.

Meine vierjährige Tochter hat einen anderen Papa als mein Sohn. Vom Vater meiner Tochter bin getrennt, seit sie auf der Welt ist. Sie kennt es nicht anders und trotzdem findet sie es am schönsten, wenn alle beisammen sind. Ihr Papa und ich haben ein gutes Verhältnis. Es gibt keine Eifersüchteleien, keine Vorwürfe und wir sprechen alles immer gemeinsam ab. Wir essen hin und wieder gemeinsam Abendbrot, gehen gemeinsam auf Spielplätze, unternehmen gemeinsam etwas und besitzen gegenseitig die Schlüssel unserer Wohnungen. Und natürlich streiten wir auch regelmäßig.

In den vergangenen vier Jahren gab es die unterschiedlichsten Regelungen zwischen uns: Im ersten Lebensjahr wohnte Papa D. noch mit uns zusammen. Später schlief meine Tochter regelmäßig auch bei ihm und ich freute mich tatsächlich über die freien Abende. Es gab eine Phase, in der Papa D. unsere Tochter dreimal die Woche aus dem Kindergarten abholte und ich nur zweimal, weil ich es mit meinem Beruf nicht anders vereinbaren konnte.

Doch man darf die Rechnung eben nie ohne den Wirt machen: Meine Tochter hängt sehr an mir. Was in diesem Alter vermutlich normal ist. Und um ganz ehrlich zu sein, ich gebe sie nur ungern her. Du verzeihst mir diesen Satz sicher, lieber D. Mittlerweile ist meine Tochter deshalb vorwiegend bei mir. Gerade jetzt, da ihr Brüderchen zur Welt gekommen ist, finde ich es wichtig, dass sie eine Kontinuität erfährt. Ich möchte ihr nicht das Gefühl geben, dass ihr Bruder bei Mama sein kann, sie aber zu Papa muss.

Für Papa D. ist das nicht immer einfach. Er ist hin und wieder traurig darüber, dass unsere Tochter lieber bei Mama ist. Während ich natürlich glücklich darüber bin. Andererseits macht es mich traurig, dass D. traurig ist. Es ist ein wildes Gefühlsknäul, das sich da im Inneren eines Menschen zusammenwurschtelt.

Oft genug gab es ein fürchterlich weinendes Kind, das schrie: „Ich will bei Mama bleiben“, und Mama ließ das Kind trotzdem bei Papa, weil der eben auch was vom Töchterchen haben wollte.

Ob das richtig war? Keine Ahnung. Für mich fühlte es sich nicht richtig an, für Papa D. war es aber wichtig, damit er Zeit mit seiner Tochter haben konnte. Er versicherte mir stets, sobald ich außer Sichtweite war, sei Töchterchen wieder glücklich gewesen. Es ändert nichts daran, dass man als Mama solche Szenen nicht erleben will.

Für mich stellte sich irgendwann die Frage: Geht es um die Rechte und Bedürfnisse von Papa D. oder um die meiner Tochter? Und Papa D. stellte sich die gleiche Frage. Also gingen wir mehr auf ihre Bedürfnisse ein und unsere Tochter bleib häufiger bei mir. Was im Umkehrschluss dazu führt, dass sie noch weniger zu Papa will. – Es ist nicht leicht, so viel ist klar.

Doch mit ihrem zunehmenden Alter spüre ich auch, dass unsere Tochter Dinge besser versteht und sich ihrem Papa mehr und mehr öffnet. Sie zeigt mir, was sie von Papa Neues gelernt hat – beim Hinfallen richtig abrollen zum Beispiel. Sie lässt sich mit einer spektakulären Seitwärtsrolle vom Sofa gleiten und sagt: „Wenn man sich richtig abrollt, dann tut man sich auch nicht weh.“

Nun haben Papa D. und ich seit geraumer Zeit neue Partner. Und glücklicherweise mag ich Papa Ds neue Freundin, B. sehr, und Papa D. mag meinen Partner, S. gern. Klingt alles super, nicht wahr!? Aber wenn deine Tochter das erste Mal „Mama“ zu einer anderen Frau sagt oder „Papa“ zu einem anderen Mann, dann fühlt sich das gar nicht so super an. Letztlich ist es aber gut, dass es so ist, denn auch wenn es mir als Mutter oder Papa D. nicht gefallen sollte, es bedeutet einfach, dass sich unsere Tochter wohlfühlt bei den Stiefeltern.

Man muss extrem verständnis- und rücksichtsvoll sein, wenn man Patchwork lebt. In einer Partnerschaft gibt es einen Erwachsenen, mit dem man über Erziehungsfragen streiten kann, in einer zusammengesetzten Familie wächst die Zahl der Diskussionspartner. Jeder hat was zu sagen und jeder will ernst genommen werden  und manchmal will man einfach auf den Tisch hauen und sagen: „So, ich bin die Mutter und so wird es gemacht. Basta!“ Doch meist führt das nur zu gekränkten Reaktionen der anderen.

Ich frage mich, wie Patchwork-Familien funktionieren sollen, wenn man nicht miteinander redet, wenn man sich zerstritten hat oder die neuen Partner sich quer stellen – soll es ja geben hab ich schon gehört.

Auch mit dem so genannten „Wechselmodell“ habe ich meine Probleme. Dabei lebt das Kind nach der Trennung der Eltern eine Woche beim Vater und eine Woche bei der Mutter im Wechsel. Ich persönlich würde nicht so leben wollen. Eine Jenaer Schulleiterin sagte mir einmal während eines Interviews zum Thema Lehrermangel, dass an ihrer Schule einige Kinder in solch einem Wechselmodell zwischen den Eltern pendeln würden. Sie war der Ansicht, dass man das den Kindern anmerke. Ihnen fehle der Fokus, sie seien flatterhaft und unausgeglichen und oft würden Schulsachen fehlen mit der Begründung, die liegen bei Mama oder eben bei Papa. Das ist eine subjektive Wahrnehmung einer Einzelperson und es gibt sicher auch Lehrer, die mir das Gegenteil berichten könnten. Vielleicht, dass diese Wechselmodell-Kinder besonders selbstständig sind. Aber man sucht sich eben gern auch die Meinungen heraus, die der eigenen näher liegen.

Ich wünsche mir für meine Tochter ein festes Zuhause, mit der Option jederzeit zu Papa zu können, wenn sie denn möchte. Ihr merkt, in diesem Satz versteckt sich gleich der Wunsch, dass ihr festes Zuhause bei mir ist. Vielleicht will sie irgendwann mal bei Papa wohnen, dann soll es so sein, bis dahin, ist aber noch Zeit.

Wenn alles gut läuft, werden werden Papa D. und B. irgendwann auch eigene Kinder haben, dann wird unsere Tochter zum „Sandwich-Kind“. Sie pendelt dann zwischen zwei festen, intakten Familien hin und her. Ob sie das als Bereicherung oder Belastung empfinden wird, weiß ich nicht. Aber was ich weiß – und jetzt könnte ich mein Image etwas beschädigen, denn es klingt für meine Verhältnisse vielleicht etwas zu konservativ, aber man sollte an der Familie festhalten, nicht wegwerfen, was man hat, auch wenn die Leidenschaft vielleicht etwas anderes verlangt. Die Frau und der Mann dürfen sich nicht in ihren Rollen als Mama und Papa auflösen, aber für die Kinder lohnt es sich immer zurückzustecken. Das bedeutet nicht, dass man sich durch verkorkste Beziehungen kämpfen soll, sondern nur, dass man die Wegwerfgesellschaft nicht auf die Partnerschaft übertragen sollte.

Mein liebster S., du merkst, du wirst mich nicht mehr so leicht los.

Ich hab zum Thema Liebe, Kinder, Familie, Leidenschaft gleich noch drei wunderbare Film-Empfehlungen:

 

Und wenn ihr keine Lust mehr habt, über Patchwork nachzudenken, dann könnt ihr es ja einfach spielen.

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Das ist ein sehr unterhaltsames Spiel für zwei Personen. Also wenn die Kinder und Stiefkinder im Bett sind, holt den Wein raus, schaut einen Film oder spielt zusammen!

Außerdem habe ich hier eine Rezension von der Pädagogin Elke Pechmann. Sie schreibt über das Buch „Die Patchwork-Lüge“, das die FAZ-Redakteurin Melanie Mühl im Jahr 2011 veröffentlichte. Einen Auszug der Rezension habe ich für euch kopiert:

Hier der Link zum Text

[…] Im therapeutischen Raum gibt es zum Thema Scheidung, Trennung, Patchwork unterschiedliche Positionen, die die Autorin benennt. Für die eine steht u.a. der dänische Familientherapeut und neue Star in der deutschen Ratgeberszene Jesper Juul. Juul schreibt, dass Kinder, deren Eltern sich trennen und wieder neu liieren, neue Eltern dazu gewinnen würden: „Bonuseltern“ sozusagen. Melanie Mühl weist diesen Gedanken als Euphemismus und Selbstbetrug zurück.

Die Vorstellung, dass bei Patchwork alle gewinnen und es keine Verluste gibt, wird seit vielen Jahren durch die Resultate der Väter- und Scheidungsforschung widerlegt. Mühl beruft sich auf die Arbeiten des Soziologen Gerhard Amendt, der lange Zeit das Institut für Geschlechter- und Generationenforschung der Universität Bremen geleitet hat. In seinen eigenen Publikationen wird sein Ansatz noch deutlicher. Amendt ist aufgrund seiner umfangreichen Untersuchungen der Auffassung, dass die Trennung der Eltern, die Ehescheidung, immer ein „aggressiver Akt“ gegen die Kinder ist, die in einem Dilemma gefangen sind. Um die Eltern nicht zu verletzen, dürfen die Kinder ihre eigene Wut und ihren Zorn gegen sie nicht ausleben, da ihre Aggressionen möglicherweise mit Zurückweisung und Vertrauensverlust beantwortet würden. Die elterliche Scheidung bedeutet für Kinder nicht einen späteren Zugewinn an „Bonuseltern“, sondern den „Verlust der Elterlichkeit“. Elterlichkeit ist der Begriff für die Einheit von Vater und Mutter, die das Kind als ein Zusammen erlebt. Der Verlust dieser elterlichen Zusammengehörigkeit ist mehr als nur der Verlust eines Elternteils.
Ein eigenes Kapitel widmet Melanie Mühl den „Scheidungskindern“. Wie verkraften Kinder die Trennung ihrer Eltern?

Mit den allgemeinen Schlussfolgerungen, die sich an Statistiken orientieren und die wohl manchen Leser zum Widerspruch provozieren, will Mühl nicht behaupten, dass es keine Ausnahmen gäbe. Die Tendenz ihrer Argumentation ist jedoch deutlich. Sie weist auf die Psychologin Judith Wallerstein hin, die seit Jahren zum Thema Scheidungskinder forscht. Wallerstein erhob u.a. umfangreiche Daten aus den Biographien von Scheidungskindern und verglich sie mit Daten von Kindern aus nichtzerbrochenen Familien. Dabei konnte sie nachweisen: Die Rate für Alkoholkonsum bei den unter Vierzehnjährigen aus Scheidungsfamilien beträgt 25% im Vergleich zu 9% bei denen aus intakten Familien. Diese Zahl erhöht sich im Erwachsenenalter auf 85% zu 24%. Scheidungskinder neigen stärker zu Depressionen, Nikotin- und Drogenmissbrauch. Die psychische Instabilität, auf die diese Verhaltensweisen hindeuten, zeigt sich später auch in der Instabilität ihrer Partnerschaften. Scheidungskinder werden fast doppelt so häufig von ihren Ehepartnern geschieden wie Erwachsene aus nicht geschiedenen Elternhäusern.
Auch die Selbstmordrate ist bei Scheidungskindern höher. Mühl zitiert eine Studie aus Kanada (2010), an der mehr als 6.000 Probanden teilnahmen. Sie ergab, „dass Söhne geschiedener Eltern ein dreimal so hohes Selbstmordrisiko haben wie Söhne verheirateter Eltern. Bei den Töchtern lag die Rate doppelt so hoch.“ Warum sind Söhne noch gefährdeter als Töchter? Möglicherweise weil Jungen im Alltag noch mehr Probleme haben, ihre Gefühle zu zeigen und die Abwesenheit des Vaters, der eine Leerstelle im Leben seines Sohnes hinterlässt und als Identifikationsfigur nicht zur Verfügung steht, für sie noch gravierendere Auswirkungen hat.

An den schulischen Leistungen von Scheidungskindern findet man die verstörende Familiensituation eins zu eins abgebildet. Melanie Mühl zitiert eine Lehrerin, die bestätigt, dass die familiäre Situation die Leistungsfähigkeit der Schüler niemals unberührt lasse und im Trennungsfall die Leistungen „mit hundertprozentiger Sicherheit schlechter werden“.
Hinzu kommt, dass Scheidungskinder Mühe haben, ein „stabiles Selbstbewusstsein zu entwickeln“, oft misstrauisch sind und sich später vor Liebesbeziehungen fürchten „weil sie schnell das Gefühl überkommt, sich einem Fremden auszuliefern, der den Schutzwall, den sie mühevoll errichtet haben, beschädigen könnte. Die Familie ist der größte Schutzfaktor für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.“

Das Robert Koch-Institut-Berlin bestätigt in der Bella-Studie aus dem Jahr 2006 die Bedeutung einer intakten Familie. Danach verringert sich die Wahrscheinlichkeit für psychische Auffälligkeiten von Kindern stark, wenn das Elternhaus intakt ist.

Den hartnäckig sich haltenden Scheidungsmythos, dass „glückliche Kinder glückliche Eltern haben“ demontiert die Autorin besonders nachdrücklich. Die Behauptung: „Sind die Eltern unglücklich in ihrer Beziehung, ist eine Scheidung folglich im Interesse des Kindeswohls,“ weist sie mit einem Satz, der wohl so noch nie formuliert wurde, zurück: „Tatsächlich ist es Kindern ziemlich egal, wie sehr die Eltern einander lieben und begehren, ob sie womöglich viel lieber neben einem anderen Menschen einschlafen oder sich noch einmal wie ein Teenager verlieben möchten. Ihnen ist es am wichtigsten, dass alles so bleibt, wie es ist, dass beide für sie da sind, gemeinsam.“ Mit dieser prägnanten Aussage beschreibt sie den Wunsch tausender Scheidungskinder.

Wie oft erlebte auch ich als Mutter von vier Kindern genau diese Beschreibung bei Freunden und Klassenkameraden unserer Kinder. Kinder, die diesen Wunsch als Weihnachts- oder einzigen Geburtstagswunsch äußerten oder dies in Aufsätzen unter der Fragestellung: „Was ist dein größter Wunsch?“ zu Papier brachten. Ich erinnere mich noch an die bunten Wunschzettel, die während der Grundschulzeit eines meiner Kinder im Klassenraum reihum aufgehängt waren. Der größte Wunsch einer Schülerin war es, dass sich ihre Eltern wieder versöhnen und wieder zusammen leben würden. Indem Melanie Mühl solchen Kinderwünschen Gehör verschafft, wird sie zum Anwalt der Schwächeren. Die Wünsche nach Glück und gelingendem Leben von Erwachsenen haben in unserer Gesellschaft eine höhere Priorität als die von Kindern. Ihr Buch wird so zu einer konstruktiven Streitschrift und fordert zum Nachdenken über mögliche Ansätze der Bearbeitung vieler Kindheitstraumata heraus.

Dem gegenüber stellt sie den identitätsstabilisierenden Erfahrungsschatz von Nichtscheidungskindern: „Unbewusst verstehen Nichtscheidungskinder, dass die Liebe der Eltern viel mit Arbeit und wenig mit Romantik zu tun hat und vermutlich genau deswegen funktioniert. Sie fragen sich zwar, wie der Vater die Launenhaftigkeit der Mutter erträgt und die Mutter die Sturheit des Vaters, ohne je eine Antwort auf diese Fragen zu erhalten. Das spielt aber auch gar keine Rolle. Sie sehen, dass es die Eltern miteinander aushalten, dass Liebe, dass eine Ehe überhaupt möglich ist.“

Im letzten Teil ihrer Auseinandersetzung mit den Folgen von Trennungen und Scheidungen beschreibt Mühl die Bedeutung des Vaters für das Kind. Gerade auf den Vater müssen Scheidungskinder oft verzichten. Ansatzweise nimmt sie auch auf die radikalfeministische Kritik Bezug, die die Bedeutung des Vaters/Mannes in der Erziehung generell in Frage stellt. Dabei argumentiert sie nicht abstrakt theoretisch, sondern von der pädagogisch-pragmatischen Seite und beschreibt die zu erwartenden Folgen: „Jungen, die ohne Vaterfigur aufwachsen, auch das ist vielfach bewiesen, orientieren sich entweder am Weiblichen und passen sich an oder überkompensieren ihre männliche Identität.“

Die Bedeutung des Vaters für die Töchter ist nicht minder relevant: „Der Vater ist derjenige, der das Kind lehrt, der ihm den Weg in die Welt weist. Der Vater versöhnt die Tochter mit dem Fremden.“[…]“

Kaleidoskop des Schreckens

Eigentlich sollte hier ein Text zum Thema Patchworkfamilien stehen, aber nachdem ich tagelang meine Hirnmasse zu einem Brei aus Stiefvätern, verschiedenen Großeltern und Halbgeschwistern verquirlt hatte, sagte mir mein Partner bemüht behutsam, dass das Resultat dieser Verquirlungen wenig genießbar sei. Vielleicht eine geistige Bockwurst, keinesfalls aber ein Gourmet-Essen.

Ich schiebe meine Schreib-Schwierigkeiten einfach mal auf den Schlafmangel und die Stilldemenz. Manchmal, wenn mein Sohn schläft und die Große im Kindergarten ist, dann fühle ich wie mein Körper sich langsam in seine Bestandteile zerlegt. Er wird ganz leicht und scheint sich aufzulösen und genau dann, wenn ich mich dazu entschließe, den Wäschekorb zu ignorieren und mich von der Schwerelosigkeit in den Schlaf befördern zu lassen, höre ich ein: „Mäh“ und muss das Gewicht wieder zurückholen in meinen Körper, um mein kleines Schaf zu stillen oder zu wickeln.

Mein Kopf allerdings bleibt noch eine Weile wie in Watte gepackt und die Gedanken suchen verzweifelt einen Weg durch das graue Labyrinth in mein Bewusstsein. Ich funktioniere nur zu 50 Prozent: Der Körper arbeitet, der Kopf ist matschig. Die Großmutter meiner großen Tochter – womit wir wieder bei Patchwork wären – schickte mir zur Geburt meines Sohnes passenderweise diese lustige Karte:

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Mütterliche Müdigkeit allerdings ist noch lange kein Grund dafür, nicht eine fette Party zu veranstalten. Früher haben Partys gegen 23 Uhr Fahrt aufgenommen. Man räumte in der WG ein oder zwei Zimmer leer, damit der DJ Platz hatte, und die Küche war der Ort, an dem in der morgendlichen Dämmerung die letzten Einsamgebliebenen ihre Zigaretten rauchten und über Liebe, den freien Willen und Gerechtigkeit diskutierten.

Heute sind Partys unvorhersehbarer geworden. Sie sind wild und ungezwungen. Wenn sich vor lauter Partyfieber jemand in die Hose macht, stört das keinen – einfach trockene Sachen anziehen und weiter geht’s. Und für so viel Kontrollverlust braucht es nicht mal mehr Alkohol. Es braucht einfach nur sechs Vierjährige.

Meine Tochter wurde in der vergangenen Woche vier Jahre alt. Ihre Geburtstagsfeier sollte im Garten ihres Vaters stattfinden, aber es regnete in Strömen. Da hat man schon ein Sommerkind und muss trotzdem drinnen Geburtstag feiern. Ich entschied mich dafür, im wahr gewordenen Traum aller Vierjährigen zu feiern: im Gaudi-Park. Mit sechs Kindern und einem Säugling ging es also von der Kita in den Gaudi-Park. Eltern, die den riesigen Indoor-Spielplatz gerade verließen, zählten kurz die Kinder durch, die ich im Schlepptau hatte, und warfen mir dann mitleidige Blicke zu.

Sobald sich die Tür zum Gaudi-Park geöffnet hatte, flogen die Kinder wild durcheinander, wir hatten kaum unsere Sachen abgelegt, da waren die ersten Kinder schon verschwunden – verschluckt von Riesenrutschen, Klettertempeln und einem gestrandeten Wal. Die Kinder wurden zu kleinen sich bewegenden Teilchen in einem Kaleidoskop des … – nun für Erwachsene: des Schreckens, für Kinder: der Freude. Steven King hätte hier sicher Inspiration für eine herrlich schaurige Horrorgeschichte gefunden: „Kinder des Wahnsinns“ oder so.

Es waren noch Sommerferien und der Regen hatte Kinder jeden Alters in den Gaudi-Park getrieben. Sogar drei ältere Herren in schnittigen Sport-Klamotten waren gekommen, um hier ziemlich professionell Tischtennis zu spielen. Es war unglaublich voll und jeder Quadratmeter der Halle wurde von lachenden, schreienden, weinenden, quiekenden und zumeist überglücklichen Kindern eingenommen.

Die Kulturarena-Veranstalter hätten bei einem vergleichbaren Lautstärkepegel wie im Gaudi-Park vermutlich Ärger mit den Anwohnern bekommen. Aber nicht nur die Geräuschkulisse ist extrem, auch visuell hofft man als Erwachsener vergebens auf einen Ruhepol und klammert sich mit den Augen verzweifelt an die weißen Tischplatten. Man stelle sich einen Techno-Keller vor, in dem das Stroboskop nie ausgeschaltet wird – ein buntes Flackern von vorbeihuschenden kleinen Wesen in neonfarbenen Jogginghosen, rosa Kleidchen und T-Shirts mit Elsa-Aufdruck (wer eine Tochter hat, weiß Bescheid). Die Eltern ertragen alles geduldig, essen Pommes oder suchen ihre Kinder. Einige finden auf dieser Suche nicht nur ihre Kinder, sondern auch Spaß am Klettern oder Trampolinspringen, auch mich packte es zugegebenermaßen, und ich reihte mich zeitweise ein in das infantile Treiben.

Vermutlich ist es gar nicht so schrecklich schaurig im Gaudi-Park, aber in Kombination mit meiner Müdigkeit, dem regelmäßigen Stillen und meinem kleinen Schäfchen, das ständig in einer Tragetasche geschaukelt werden will, erschien mir der Park wie die Vorbereitung auf das Fegefeuer.

Das einzig Wichtige jedoch war, dass die Kinder sich im Garten Eden wähnten. Keiner verbot ihnen herumzuschreien, sie konnten toben, rennen, rutschen, hüpfen, fahren, klettern und hatten riesigen Spaß.

Fünf Stunden verbrachten wir im Gaudi-Park, die Kinder wären am liebsten noch geblieben als nach und nach alle Eltern eintrudelten, um sie abzuholen. Meine Große hatte so trotz Regen einen schönen vierten Geburtstag und ich kein Chaos in der Wohnung. Ach und ratet, was meine Tochter bekommen hat – natürlich nicht von mir:

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Wer meinen Text  „Ein neues Leben und Einhorn-Zauberei“ gelesen hat, weiß was das für mich bedeutet.

Das Schäfchen schläft jetzt gerade, und da dieser Text seinem Ende zugeht, werde ich mich schnell noch mal aufs Ohr hauen. Vielleicht reicht ja die Erholungsphase, um mein Gehirn wieder so weit auf Vordermann zu bringen, dass ich den Patchwork-Text bald fertigstellen kann. „Mäh.“


Gaudi-Park

Im Jenaer Gaudi-Park in der Löbstedter Straße kann man Geburtstagspakete buchen. Man bekommt dann eine kleine Geburtstagshütte in einem abgegrenzten Raum. In der Hütte stehen kleine Sitzbänke und ein Tisch. Das Geburtstagskind nimmt auf einem Thron an der Stirnseite Platz – logo. Außerdem gehört zum Geburtstagspaket ein Essen und ein Getränk für jedes Kind. Alle weiteren Getränke müssen vor Ort extra gekauft werden – was eine Zumutung ist. Deshalb wurde das Getränke-Verbot von mir auch ignoriert. Es hat sich keiner über die Wasserflasche, den Saft und die Melone beschwert, die wir rein geschmuggelt hatten. Für den mitgebrachten Geburtstagskuchen wurde eine „Kuchen-Gebühr“ von fünf Euro fällig, Kerzen sind nicht erlaubt. Je nachdem welches Geburtstagspaket man nimmt, zahlt man pro Kind zwischen 8 Euro und 12 Euro. Obendrauf kommt das Geld, das man in kleine Motorräder und Autos werfen muss oder in das Karussell. Kein billiger Geburtstag.

Wer Ideen hat, wo man schöne Kindergeburtstage auch bei Starkregen feiern kann, darf sie gerne hier verbreiten. Ich freue mich über jede Anregung. Gute Nacht.

Hebammen? Wieso? Es gibt doch Ärzte!

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Klar, Schwangerschaft und Geburt sind nicht nur private Ereignisse, sie sind auch Wirtschaftsfaktoren und lassen sich hervorragend vermarkten. Gynäkologen, Kliniken, Geburtshäuser, Hebammen, Pharmakonzerne, die Kosmetikindustrie: die Liste derer, die an Schwangeren, Gebärenden und Neugeborenen verdienen ist lang. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, auch wenn wir die Geburt eines Kindes nur ungern in einen ökonomischen Zusammenhang setzen.

Doch eine gute Versorgung von Schwangeren, jungen Müttern und Neugeborenen sollte eben auch gut bezahlt werden. Die Frage ist, was braucht eine Schwangere, eine junge Mutter, ein Neugeborenes wirklich? Müttern wird vieles angeboten und viele Mütter glauben, um eine gute Mutter zu sein, müsse man all diese Angebote auch in Anspruch nehmen.

Constance Richter weiß, was Mütter und Neugeborene brauchen. Seit mehr als 20 Jahren ist sie Hebamme. Wenn sie ein weinendes Neugeborenes in ihre Arme nimmt und der entnervten Mutter ein offenes Ohr schenkt, kehrt schnell Ruhe ein. Der Säugling schläft, die Mutter entspannt sich. Obwohl die 48-Jährige täglich von früh bis spät unterwegs ist, zwischen Geburtsvorbereitungskurs, Rückbildungsgymnastik und Hausbesuchen hin und her düst, egal ob am Montag oder am Sonntag, strahlt sie eine zufriedene Gelassenheit aus, die sich gleich auf Mutter und Kind überträgt.

Ich sprach mit ihr über den Wandel der Zeit in der Geburtshilfe, über das Verhältnis zwischen Gynäkologen und Hebammen, über Familienzusammenhalt, die gesellschaftliche Schere, die sich immer weiter öffnet, und den Traum von einem Jenaer Geburtshaus, in dem Ärzte und Hebammen auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

Frau Richter, Sie sind seit 1988 zertifizierte Hebamme. Weshalb haben Sie sich damals für diesen Beruf entschieden?

Meine Mutter arbeitet als Landärztin, und ich fand es immer spannend, dass sie die Menschen zu Hause besuchen konnte und solche Einblicke in die Familien bekam. Für mich war es abenteuerlich und interessant, die unterschiedlichen Lebensstile kennenzulernen. Das Interesse an der Medizin hat mir meine Familie sowieso mitgegeben. Außerdem hat mir meine Großmutter oft davon erzählt wie sie ihre Kinder bekommen hat – nämlich zu Hause. Ich fand diese Erzählungen immer fantastisch. Sie hat vier Kinder in der Nachkriegszeit bekommen. Das hörte sich immer alles ganz einfach und natürlich an. Heute weiß ich natürlich wie risikobehaftet das damals war. So hat sich also der Wunsch entwickelt, Hebamme zu werden.

Und dann haben Sie eine Ausbildung begonnen?

Genau. Zu DDR-Zeiten hieß das Medizinisches Fachschulstudium. Das habe ich an der Martin-Luther-Universität Halle absolviert – für drei Jahre. Es war schulmedizinisch sehr anspruchsvoll. Von dieser Ausbildung profitiere ich bis zum heutigen Tag.

Was hat sich denn seit 1988 bis heute verändert in der Geburtshilfe?

Das Ein-mal-Eins der Hebammenkunst hat sich nicht geändert. Klar haben wir in der Schulmedizin schon gravierende Verbesserungen. Für meine konkrete Arbeit mit den Frauen ist eine Veränderung aber besonders entscheidend: Die psychologischen Probleme haben deutlich zugenommen. Das ist ein gesellschaftliches Problem, das meiner Ansicht nach sehr viel mit dem gestiegen Leistungsdruck zu hat und mit den Ansprüchen, die an Familien gestellt werden. Die gesellschaftliche Schere ist in den vergangenen Jahren sehr weit auseinander gegangen, das merkt man deutlich, wenn man so intensiv mit Familien zusammenarbeitet. Auch der familiäre Zusammenhalt hat nachgelassen, es gibt viel mehr Frauen, die auf sich allein gestellt sind – unabhängig davon ob sie alleinerziehend sind oder die Männer viel arbeiten müssen. Das war zu DDR-Zeiten nicht so ausgeprägt.

Was bedeutet das für die Mütter?

Die Frauen sind heute viel schneller panisch und ängstlich. Sie fühlen sich oft in ihrer Kompetenz als Mutter beschnitten oder einfach unsicher. Mütter lesen heute auch unheimlich viel im Internet – das Internet ist mein größter Gegner geworden. Die Frauen lesen viel zu viel und haben nicht das nötige Fachwissen, um die Informationen richtig einzuordnen. Außerdem fragen sich junge Mütter immer wieder selbst, wie eine Mutter zu sein hat. Das ist völlig unsinnig, eine Mutter muss nicht die besten Gläschen kaufen, sondern dem Kind Liebe und Wärme geben. Diese Verunsicherung der modernen Mütter zehrt auch an meinen Kräften als Hebamme. Ich muss viel mehr Arbeit investieren, um das Kindeswohl zu Hause abzusichern. Als Familienhebamme habe ich natürlich tiefe Einblicke in das Leben der Mütter. Da gibt es Drogenprobleme, Alkoholprobleme, mentale Retardierung, minderjährige Erstgebärende, mittlerweile oft auch geflüchtete Frauen, die besondere Unterstützung brauchen.

Wie schaffen Sie das?

Da bin ich wirklich sehr froh, dass ich mir in meiner Zeit als Hebamme schon so ein gutes Netzwerk aufgebaut habe. Es gibt in Jena gute Unterstützungsangebote, beispielsweise der Verein „Wandlungswelten“, der unter anderem Frauen mit psychischen Problemen hilft. Da muss ich ein großes Lob aussprechen: Dieses Unterstützungs-Netzwerk für junge Mütter ist in Jena herausragend. Das Familienzentrum, die Konflikt- und Schwangerenberatung, all das was zum Netzwerk „Frühe Hilfen“ gehört – das ist in Jena wirklich super. Aber einen Netzwerkpartner vermisse ich dabei: die Gynäkologen. Das liegt vermutlich an der Jahrzehnte langen Auseinandersetzung zwischen Hebammen und Geburtsmedizinern. Es ist ein gewachsenes Problem, welches entstand als die männlichen Mediziner die Geburtshilfe aus den Händen der traditionellen Hebammen nehmen wollten – Ende des 18. Jahrhunderts entstanden, unter anderem auch in Jena, die Entbindungshäuser, in denen zumeist alleinstehende Frauen ihre Kinder bekamen, und mehr oder weniger als Versuchspersonen dienten. Diese Zeiten sind natürlich düstere Vergangenheit, aber es scheint als hätte dieser Urstreit zwischen Medizinern und Hebammen bis heute Nachwirkungen.

Was fehlt Ihnen in der Zusammenarbeit mit den Gynäkologen?

Ich könnte gerade bei Frauen, die mit besonderen Belastungssituationen zu tun haben, viel früher und gezielter reagieren, wenn ich schon während der Schwangerschaft von den Ärzten Informationen erhalten würde. Tatsächlich ist es häufig so, dass sich die Frauen auch gegenüber der Hebamme schneller öffnen. Ich bekomme von den Frauen meist deutlich mehr Informationen als ein Arzt in einem gynäkologischen Gespräch. Spätestens beim dritten Hausbesuch erlebst du die Frau so wie sie wirklich ist. Der Arzt erlebt in seiner Praxis oft nur eine bestimmte Facette der Frau. Wir Hebammen erleben die häuslichen Umstände. Ich hätte einfach gern mal ein Gespräch auf Augenhöhe mit den Ärzten. Dabei geht es nicht darum, sich gegenseitig zu korrigieren oder sich Aufgaben wegzunehmen – es geht um eine funktionierende Kooperationsgemeinschaft. Diese Kooperationsgemeinschaft ist ganz zum Wohle der Schwangeren. Dabei geht es nicht darum, dass der Arzt oder die Hebamme sich absichern, sondern es geht um eine bessere Absicherung der Schwangeren. Klar, wir Hebammen haben kein Medizinstudium absolviert, aber wir haben unsere Daseinsberechtigung. Es gibt leider Gynäkologen, die das anders sehen.

Hat sich das Verhältnis zwischen Medizinern und Hebammen in den vergangenen Jahren geändert?

Als ich vor 15 Jahren in Jena angekommen bin, war ich erschrocken, wie schwer es ist, an die Mediziner heranzukommen. Ich komme aus einer Kleinstadt und war dort sehr verwöhnt. Dort war es üblich, dass sich die Ärzte mit uns Hebammen in Verbindung gesetzt haben. Wir haben uns gemeinsam an einen Tisch gesetzt und über Auffälligkeiten oder Probleme gesprochen. In Jena war das ganz anders. Heute bin ich zufrieden. Ich habe Möglichkeiten gefunden, mit Ärzten in Kontakt zu treten. Frauen, die mehr mit der Hebamme arbeiten wollen und trotzdem die ärztliche Betreuung beanspruchen, können das in Jena. Aber es ist eben nur ein „Befriedigend“, eine Note 3, weil ich mir wünschen würde, dass das mit allen Ärzten klappt und zur Selbstverständlichkeit wird.

Wie stehen Sie persönlich zur Schulmedizin und zur Alternativmedizin?

Ich weiß, ich brauche die Ärzte. Mein Herz schlägt auch für die Schulmedizin, aber wenn meine Kompetenz von Ärzten in Frage gestellt wird, das ist mir zuwider. In den vergangenen Jahren habe ich gelernt, mich auch der Alternativmedizin zu öffnen und habe festgestellt, dass Frauen sehr zufrieden sind, die Alternativmedizin in Anspruch genommen haben. Ich denke, man sollte den Spagat zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin schaffen. Man muss vor allem sehen, was wir dem medizinischen Fortschritt verdanken – gerade was Risikogruppen angeht. Eine Diabetikerin wäre vielleicht vor 100 Jahren in der Schwangerschaft gestorben. Heute kann man mit einem klugen Risiko-Management den Risiko-Schwangeren helfen. Das Problem, das sich dabei ergibt ist, dass durch dieses Nadelöhr des Risiko-Managements alle Schwangeren hindurch müssen, auch die, die nicht zu den Risiko-Gruppen gehören. Da wird natürlich viel Unsicherheit geschürt. Der medizinische Fortschritt auf diesem Gebiet ist also Fluch und Segen zugleich. Man sollte sehr verantwortungsvoll damit umgehen. Ich bilde mir ein, dass es mich als Hebamme für die Frauen attraktiv macht, dass ich versuche, immer einen Konsens zwischen Alternativ- und Schulmedizin zu finden.

Tatsächlich hat mich persönlich kein Arzt darauf aufmerksam gemacht, dass ich auch eine Hebamme brauche. Ab wann sollte sich denn eine Schwangere um eine Hebamme kümmern?

Manche Frauen kümmern sich erst in der 20. Schwangerschaftswoche um eine Hebamme. Ich persönlich finde das zu spät. Spätestens mit der Fertigstellung des Mutterpasses sollte man sich um eine Hebamme bemühen.

Wenn Sie sich etwas erträumen dürften für die Geburtshilfe in Jena, was wäre das?

Das wäre eine Geburtseinrichtung für werdende Mütter, wo Arzt und Hebamme harmonisch zusammenarbeiten. Dort könnte es Räume für Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse geben, eine moderne medizinische Ausstattung und hebammengeleitete Kreißsäle. Mein größtes Vorbild ist da die Praxis Bühlau in Dresden – ein Geburtshaus, Frauenarzt- und Hebammenpraxis gleichzeitig.


Über Hebamme Constance Richter:

Geboren in Köthen Sachsen Anhalt; selbst Mutter einer Tochter; verheiratet

Seit 15 Jahren lebt sie in Jena und hat ihre Hebammenpraxis in Lobeda-West. Pro Jahr betreut sie etwa 80 Frauen während der Schwangerschaft und nach der Geburt. Bereits seit zehn Jahren ist sie nicht mehr in der aktiven Geburtshilfe tätig, da sie sich verstärkt auf die vor- und nachgeburtliche Betreuung der Frauen konzentrieren wollte – obwohl wie sie selbst sagt, die Geburt das Sahnehäubchen der Hebammen-Tätigkeit sei. In ihrer 20-jährigen Laufbahn als Hebamme hat sie mehr als 1000 Kinder zur Welt gebracht.